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Dyskalkulie abklären im Kanton Zürich: Wann es sinnvoll ist und wie es abläuft

Alena Malacarne

Alena Malacarne

7 min ・ 18. August 2026

Illustration eines schulischen Standortgesprächs: Ein Kind sitzt mit einem Elternteil am Tisch, dahinter stehen Schulpsychologischer Dienst, Lehrperson, heilpädagogische Unterstützung, Schulleitung sowie Fachstellen und Beratungsangebote. Auf dem Tisch liegt eine Liste mit den Schritten Beobachten, Abklären, Verstehen und Fördern.

«Sollen wir das abklären lassen?»

Diese Frage begegnet mir immer wieder. Als ehemalige Klassenlehrerin genauso wie heute in Erstgesprächen als Dyskalkulie-Trainerin. Meist kommt sie etwas zögerlich, verbunden mit einem hilfesuchenden Blick zum anderen Elternteil.

Was dann folgt, klingt oft ähnlich. Ihr Kind übt und übt, und Sie üben natürlich mit. Sie haben Erklärvideos gesucht, verschiedene Apps ausprobiert und sich schon um Nachhilfe gekümmert. Irgendwann wird es anstrengend, für Ihr Kind und für Sie. Die Hausaufgaben ziehen sich, es gibt Tränen, und manchmal haben Sie das Gefühl, dass Ihre Beziehung auch darunter leidet. Gespräche mit der Lehrperson gab es auch schon einige. Und trotzdem kommt Ihr Kind mathematisch nicht richtig weiter.

Vermutlich haben Sie irgendwann im Internet gesucht und sind dabei auf den Begriff Dyskalkulie gestossen. Und dann steht die Frage im Raum. «Sollen wir das abklären lassen?»

Keine Fachperson könnte Ihnen diese Frage pauschal beantworten. Nicht jede Schwierigkeit beim Rechnen bedeutet nämlich automatisch, dass ein Kind Dyskalkulie hat. Manchmal fehlt eine einzelne Grundlage, die im Unterricht schlicht nicht richtig verstanden wurde. Manchmal haben sich über eine lange Zeit Lücken aufgebaut. Und manchmal sind die Schwierigkeiten so hartnäckig, dass sich durch herkömmliches Üben kaum etwas verändert.

Wann ist eine Abklärung sinnvoll, wer macht sie im Kanton Zürich, was kostet sie und was bringt eine Diagnose am Ende wirklich? Dieser Blogbeitrag soll Ihnen helfen, diese Fragen zu beantworten.

Wann ist eine Abklärung sinnvoll?

Aus meiner Erfahrung sprechen vier Dinge dafür:

  • Die Schwierigkeiten bestehen schon längere Zeit und zeigen sich nicht nur bei einzelnen Themen.
  • Sie werden trotz zusätzlichem Üben oder Nachhilfe kaum besser.
  • Ihr Kind ist zunehmend belastet und beginnt, Mathematik zu vermeiden.
  • Betroffen sind vor allem grundlegende Bereiche wie z. B. Mengen, Zahlen sowie die vier Grundrechenarten.

Der dritte Punkt ist für mich oft der ausschlaggebende. Wenn ein Kind seelisch leidet, und das merken Sie als Eltern am besten, dann braucht es dringend weitere Massnahmen.

Ab der 2. Klasse lässt sich meist am besten beurteilen, wie sich die mathematischen Schwierigkeiten einordnen lassen.

Wer klärt im Kanton Zürich ab?

Die wichtigste Anlaufstelle ist der Schulpsychologische Dienst (SPD). Die Anmeldung läuft in der Regel über die Schule, meist über die Klassenlehrperson oder die Schulleitung. Unterschreiben müssen aber Sie. Ohne Ihr Einverständnis findet keine Abklärung statt, auch dann nicht, wenn die Schule sie für sinnvoll hält.

Die Abklärung dort ist für Sie als Eltern kostenlos. Je nach Gemeinde müssen Sie allerdings mit Wartezeiten rechnen, manchmal einige Wochen, manchmal deutlich länger.

Alternativ ist auch eine Abklärung bei einer Kinder- und Jugendpsycholog*in möglich. Privat geht es in der Regel schneller, kostet dafür aber.

Was passiert beim ersten Gespräch?

Nach der Anmeldung beim SPD findet ein erstes Gespräch statt. Am Gespräch nehmen neben Ihnen und der Klassenlehrperson oft weitere Fachpersonen teil: jemand vom SPD, die Heilpädagogin, manchmal die Schulleitung. Meistens findet das Gespräch in der Schule statt.

Besprochen wird, wie sich die Schwierigkeiten Ihres Kindes konkret zeigen und wie seine aktuelle Situation aussieht. Daraus wird eine Fragestellung formuliert, die in der Abklärung genauer angeschaut werden soll.

Diese Fragestellung entscheidet mit darüber, was am Ende im Bericht steht. Es lohnt sich also, hier genau hinzuhören und nachzufragen, wenn Ihnen etwas zu allgemein formuliert scheint.

Was passiert bei einer Abklärung?

Eine schulpsychologische Abklärung ist kein Test, den ein Kind besteht oder nicht besteht.

Der SPD schaut sich die Ausgangslage Ihres Kindes genau an: Gespräche mit Ihnen, mit dem Kind und mit der Schule. Je nach Fragestellung kommen Beobachtungen und standardisierte Testverfahren dazu. Manchmal wird ein Kind auch im Unterricht besucht.

Für Ihr Kind bedeutet das in der Regel ein bis zwei Termine. Danach werden die Ergebnisse in einem Bericht zusammengefasst, den Sie per Post erhalten. Sie leiten ihn an die Klassenlehrperson weiter, damit das weitere Vorgehen besprochen werden kann.

Wie erkläre ich das meinem Kind?

Sprechen Sie offen darüber. Kinder merken ohnehin, dass etwas im Hintergrund läuft.

Sie können zum Beispiel sagen:

«Jemand schaut gemeinsam mit dir, was dir beim Rechnen leichtfällt und was noch schwierig ist. So finden wir heraus, wie wir dich am besten unterstützen können.»

Lernstandsanalyse oder schulpsychologische Abklärung?

Diese Frage kommt bei mir häufig, und die Antwort ist nicht «entweder oder». Die beiden Verfahren beantworten unterschiedliche Fragen.

Eine pädagogische Lernstandsanalyse, die ich auch im Rahmen meiner Arbeit durchführen darf, schaut auf das mathematische Lernen selbst. Sie überprüft, wie Ihr Kind rechnet und an welcher Stelle es unsicher wird. Sie zeigt genau, wo Unterstützung nötig ist. Diagnostizieren darf sie nichts.

Zu einer schulpsychologischen Abklärung gehört auch eine Lernstandsanalyse dazu, um den genauen mathematischen Lernstand zu erfassen. Sie geht aber noch einen Schritt weiter. Sie ordnet die auftretenden Schwierigkeiten in ein Gesamtbild und klärt, ob die Voraussetzungen für eine Rechenstörung erfüllt sind.

Zusätzlich können Bereiche berücksichtigt werden, die das Lernen beeinflussen. Dazu gehören zum Beispiel die Aufmerksamkeit, die Verarbeitung und Speicherung von Informationen, das Sprachverständnis oder die visuelle und räumliche Wahrnehmung.

Führt eine Diagnose zu mehr Förderstunden in der Schule?

Hier bin ich ehrlich mit Ihnen: Nicht automatisch. Ein Schulleiter sagte einmal zu mir, wir Lehrpersonen sollten Eltern eine Abklärung nicht mit der Hoffnung auf zusätzliche Förderstunden schmackhaft machen. Denn so einfach ist es leider nicht. Eine Diagnose allein bedeutet noch nicht, dass ein Kind automatisch mehr Unterstützung oder zusätzliche Förderressourcen erhält.

Welche Unterstützung Ihr Kind erhält, hängt vom individuellen Förderbedarf ab und stark von den Möglichkeiten der Schule. Die Ressourcen sind häufig viel zu knapp. Eine Heilpädagogin ist meist für mehrere Kinder zuständig und kann deshalb nicht immer die Zeit aufbringen, die ein Kind mit Dyskalkulie eigentlich bräuchte. Gerade im mathematischen Bereich ist ein regelmässiges Training im Einzelsetting sehr hilfreich, weil dort gezielt an den individuellen Schwierigkeiten gearbeitet werden kann.

Trotzdem kann eine Diagnose viel bewirken. Sie hilft, die Schwierigkeiten einzuordnen, und wirkt für die ganze Familie entlastend. Für viele Kinder ist es wichtig zu wissen, dass ihre Schwierigkeiten einen Namen haben und nichts mit fehlender Intelligenz oder mit Faulheit zu tun haben.

Ausserdem ist eine Diagnose Voraussetzung für einen Nachteilsausgleich.

Was ist ein Nachteilsausgleich?

Ein Nachteilsausgleich gleicht Nachteile aus, die einem Kind durch eine diagnostizierte Lernschwierigkeit entstehen. Er ist keine zusätzliche Förderung. Das wird häufig verwechselt.

Je nach Situation kann das mehr Zeit bei Prüfungen bedeuten, eine angepasste Darstellung von Aufgaben oder bestimmte Hilfsmittel. In Mathematik können das in einer zweiten Klasse zum Beispiel Zehnerstangen und Einerwürfel sein. Die Lernziele und der Beurteilungsmassstab bleiben dabei gleich. Im Zeugnis wird ein Nachteilsausgleich nicht vermerkt.

Welche Massnahmen sinnvoll sind, können Sie mit der Heilpädagogin in einem Standortgespräch individuell festlegen.

Was kommt nach der Abklärung?

Mit einem Bericht vom SPD allein verändert sich im Schulalltag noch nichts. Entscheidend ist, was daraus gemacht wird.

Das anschliessende schulische Standortgespräch bietet eine gute Möglichkeit, gemeinsam weiterzudenken. Eltern, Klassenlehrperson und weitere Fachpersonen können besprechen, welche Unterstützung das Kind braucht und wie die Förderung konkret aussehen kann.

Danach sollte der Austausch nicht abbrechen. Eine gute Förderung setzt dort an, wo das Kind gerade steht, und wird regelmässig überprüft und bei Bedarf angepasst. Dafür braucht es nicht immer ein grosses Gespräch. Auch eine kurze Rückmeldung per Mail kann hilfreich sein, um zu wissen, wie es in der Schule gerade läuft.

Wenn die schulischen Ressourcen nicht ausreichen und Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind eigentlich mehr Unterstützung brauchen könnte, kann eine zusätzliche Förderung ausserhalb der Schule sinnvoll sein.

Mir ist dabei wichtig, mit der Schule zu arbeiten. Deshalb stelle ich ein digitales Lerntagebuch zur Verfügung, über das Lehrpersonen und andere Fachpersonen auf Wunsch Einblick in das Lerntraining und die Fortschritte Ihres Kindes erhalten können. Natürlich nur, wenn dies für sie sinnvoll ist und die zeitlichen Ressourcen dafür vorhanden sind.

Auch Sie als Eltern bekommen einen Einblick in das, woran wir im Training gerade arbeiten. So können Sie zu Hause an einzelnen Inhalten anknüpfen, wenn dafür Zeit und Motivation vorhanden sind.

Quellen und weiterführende Informationen

  • Bildungsdirektion Kanton Zürich: Schulpsychologischer Dienst
  • Bildungsdirektion Kanton Zürich: Nachteilsausgleich in der Volksschule
  • Volksschulamt Kanton Zürich: Broschüre «Nachteilsausgleich bei der Leistungsbeurteilung»
  • S3-Leitlinie «Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung»
  • Landerl, K., Vogel, S. & Kaufmann, L.: Dyskalkulie. Modelle, Diagnostik, Intervention.